Sommerröte 2 – Auf der Flucht

Leseprobe des 2. Kapitels der Geschichte Sommerröte

Wie ein verwundetes Tier floh er durch die Waldstücke, das Sirenengeheul im Nacken. Er lief über Wurzelgeflechte, über Stock und Stein, das Blut rann ihm von der Stirn, bis er es endlich zu ihrer Siedlung geschafft hatte. Eine Siedlung aus sechs Wagen, vor denen Zelte standen. Mit letzter Kraft sprengte er die Tür und ließ sich auf die Schwelle fallen. Sofort kam seine Schwester Ceija auf ihn zugesprungen, schlug die Hände vors Gesicht, lief zum Waschbottich, befeuchtete ein Tuch und lief zurück zu Nedjo, der sein Gesicht auf den Boden gedrückt hielt.

„Ich wollte das nicht, ich wollte das nicht“, flüsterte er, während sie sich fragte, ob sich die Tränen all dieser vergangenen Jahre mit hineinmischten. Behutsam drehte sie ihn um und reinigte seine Haut vom Blut, dessen Geruch nach Eisen sie fast zum Erbrechen gebracht hätte. Ein Erbrechen, mit dem sie am liebsten auf ihre vollkommen hoffnungslose Situation geantwortet hätte. Jetzt auch Nedjo, ihr Lieblingsbruder, der immer wenigstens versucht hatte, gut zu ihr zu sein. Der damals, als sie in die Hände der fremden Männer gegeben werden sollte, mit einem herzzerreißenden Schrei auf jene zugestürzt war, um seine kleine Schwester aus ihren Fängen zu reißen.

Noch in derselben Stunde hatten sie sich auf die Flucht gemacht, durch Wälder und Täler hindurch, fast ohne Rast. Rausgerissen aus dieser trostlosen neuen Republik Moldau, hinein in das Landinnere von Rumänien, über Ungarn, die Slowakei, Tschechien nach Deutschland, ins verheißene Land. Doch sämtliche Verheißungen waren ausgeblieben.

Niemand hatte ihnen geholfen. Niemand war bereit gewesen, ihnen auch nur so etwas wie einen Hauch von Möglichkeiten zu eröffnen. So waren sie an Gladko geraten, der nicht viel besser als ihr Vater war. Ein Schläger. Dass sich Gladko noch nicht an Ceija vergriffen hatte, war Nedjos hervorstechender körperlicher Statur und Schnelligkeit geschuldet. Nedjo bemühte sich täglich und redlich, die geforderten Abgaben zu leisten, um wenigstens im Schutz Gladkos ein klägliches Dasein zu fristen, von dem er in Moldau nicht geträumt hatte. Außerdem gab er Ceilja als seine Frau aus, denn die Ehe war immerhin noch etwas, vor dem Gladko wenigstens einen Funken von Respekt verspürte, auch wenn der leicht ergraute Anführer immer noch auf kleine Nedjo-Nachfahren wartete, mit denen sich noch mehr Geld machen ließe.

„Ist gut, ist gut“, flüsterte Ceija und strich ihrem Bruder zärtlich über den Rücken. Wie in Zeitlupe glitt die Flucht damals bildlich an ihr vorüber. Die unzähligen demütigenden Momente, ihr Hunger nach Nahrung und Ruhe, ihre Angst im Wald, vor den Tieren und anderen Menschen. Aber sie hatten überlebt. Sie hatten alles überlebt. Sie würden noch viel mehr überleben. Zusammen. Wichtig war nur, dass sie sich hatten. Und so wie Nedjo sich damals um sie gekümmert hatte, als sie 10 Jahre alt gewesen war, würde sie sich jetzt um ihn kümmern, ihren Retter, ihr Heiligstes.

Da er nichts mitgebracht hatte, hatten sie nichts zu essen. So reichte sie ihm einen kleinen Becher mit einer Maria darauf und gab ihm zu trinken. Doch statt nach dem Gefäß zu greifen, schlug er den Kelch aus ihrer Hand. Seine Lippen verkrampften, als er in ihrem Heimat-Dialekt wie besinnungslos zu schreien begann. In Panik versetzt legte sie das nasse Tuch über sein Gesicht, bis er kaum noch einen Mucks von sich gab. Erst danach war sie fähig, seinen schweren Körper auf die Matratze zu ziehen. Ab da wog sie ihn die gesamte Nacht hindurch bis zum Sonnenaufgang in ihren Armen, wiederholt flüsternd: „Es wird alles gut, es wird alles gut, alles wird gut werden.“ Immer wieder schreckte er auf, das Bild der am Boden liegenden Frau vor sich. Ich wollte das nicht, rang er in Gedanken mit sich und hob seine inneren Augen gen Himmel.

Doch da war nichts. Ab und an schlug Gladkos Hund an, ironischerweise ein deutscher Schäferhund. Wie gerne wäre Nedjo zurückgekehrt. Aber er wusste nicht mehr, wohin überhaupt. Auch in Moldau waren sie nicht erwünscht gewesen, gedemütigt und fortgejagt. Nichts und niemand hatte ihnen Halt geben können. Nicht die Großfamilie und auch nicht der Alkohol, der in ihrer Verzweiflung stärker floss als das Wasser aus Leitungen, die ihnen regelmäßig zerschnitten wurden. Mit den frühen Morgenstunden setzte sein Zittern ein, so dass Ceija ihrem Bruder ein weiteres Gefäß reichte: Obstschnaps. Selbstgebrannt. Das erste, was der Großvater ihr beigebracht hatte.

Damals war Ceija sechs Jahre alt gewesen. Ihre Bildung hatte darin bestanden, die Baracke aufzuräumen, den männlichen Familienmitgliedern nach Kräften zu Diensten zu sein und mit dem Familienoberhaupt das faule Obst in etwas zu verwandeln, was noch mehr Unglück über sie alle brachte, aber zumindest den schlimmsten Hunger stillte. Nach allem. Sehnsuchtskiller nannten es die Geschwister schließlich, die schon beizeiten davon träumten, ihr Glück in einem anderen als dem von der Sowjetunion ruinierten Land zu finden. Auch die Republikgründung nach dem Zerfall des Ostblocks, auf die manche ihre Hoffnung gesetzt hatten, ging an ihnen so spurlos vorüber wie die großzügigen Transferleistungen, mit denen sich die korrupten Regierungsmitglieder ihr eigenes Reich schufen.

Nachdem Nedjo endlich vollkommen erschöpft eingeschlafen war, verriegelte Ceija den Wagen von außen und lief zur Hauptstraße, die sie zum Einkaufszentrum brachte. Den ganzen Tag saß sie vor Läden und bettelte. Sie tat es lächelnd, doch das Grauen ihrer Lebenssituation spürte sie mit jedem Menschen, der an ihr vorüberlief, wie ein Messer in ihrem Herzen bohren. Lieber wäre sie zerbrochen und zerborsten, als dort zu sitzen, vor den demütigenden Augen der anderen, denen es gutging und für die sie nichts anderes als Dreck war, der ihren Weg säumte. Gegen Abend gab sie sich einen Ruck und lief in eines der Geschäfte, aus dem sie wortkarg hinausgeworfen wurde. „Geh zur Kirche“, raunte ihr eine Frau zu, „die kümmern sich um solche wie dich.“

Mit diesen Worten im Ohr entriegelte Ceija das Schloss zum Wagen und trat ein. Alles, was sie hatte, waren ein paar verschimmelte Äpfel, die sie aus dem Abfall gezogen hatte. Und morgen würde Gladko vor ihnen stehen und die vollkommen absurde Platzmiete einfordern. Wie oft hatte Gladko ihrem Bruder zu verstehen gegeben, dass er durchaus bereit war, Naturalien anzunehmen. Ceija. Ceijas Leib. Vielleicht war es endlich so weit. Oder sie mussten wieder fliehen. Wobei Gladko zuzutrauen war, sie überall aufzuspüren. Nur nicht in einer Kirche, überlegte Ceija. Vielleicht war das die Rettung in diesem Augenblick, den Nedjo nicht mehr in der Lage war, ihr Überleben zu sichern. „Hey“, flüsterte sie.

Er lag noch immer auf der Matratze, so, wie sie ihn früh morgens verlassen hatte. Langsam schlich sie auf ihn zu. Reglos lag er da. Sie fürchtete, er sei an inneren Verletzungen gestorben. Eilig griff sie nach seiner Hand. Sie war warm. Aber sein Blick war kalt, als er die Augen öffnete und sie ansah, als sei sie ein Geist. „Ich kann mich nicht mehr um dich kümmern“, flüsterte er, was ihr wie ein Todesurteil vorkam. „Morgen gehen wir“, sagte sie und setzte sich an seine Seite. „Wohin“ murmelte er, „es gibt keinen Platz für uns“. „Doch“, insistierte sie. „In der Kirche unten am Wasser, dort werden wir es einfach versuchen. Wir haben alles überstanden.  Wir werden auch das noch schaffen.“ Mit diesen Worten ließ sie von ihm. Lange lag Ceija wach und lauschte seinen Atemzügen. Sie hatten nichts mehr zu verlieren.

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