Löwenmut II – In einer Zeit wie diese 1

Ich öffne Tore

„Toni, was siehst du?“, hörte das Mädchen Gott Vaters Stimme.
Die Stimme des guten Vaters. Die im Widerspruch zur Stimme ihres leiblichen Vaters stand. Was sehr schwer für Toni zu unterscheiden war. Toni sah Leim. Den kannte sie aus dem Werkunterricht. Da war sie ihrer Rolle als Klassenclown sehr treu gewesen und hatte einer Laune entsprechend den Werkhammer durch eines der Fenster geschossen, das daraufhin mit einem markerschütternden Scheppern in tausend Einzelteile zerborsten war. Weder vor noch nach ihr hatte eine Schülerin oder ein Schüler willentlich etwas ähnlich Zerstörerisches fertiggebracht, woraufhin Toni zu Hause erneut einer Tracht Prügel ausgesetzt gewesen war, die sie mit Gleichmut hingenommen hatte. Im Innersten war sie vollkommen davon überzeugt gewesen, gerade jenen Tag bewiesen zu haben, mächtiger als jede Einheit Prügel zu sein, die sie jemals bekommen hatte oder jemals beziehen würde. Danach hatte es niemanden mehr gegeben, der ihr zu nahegetreten war. Danach hatte sie zu den „Schlimmen“ gehört, also zu den ganz Skrupellosen, was ihr wie eine Auszeichnung vorgekommen war. In der Schulkonferenz war sie jemand gewesen, und zwar jemand, der ihren Eltern als jemand verkauft wurde, der besser von der Schule genommen werden sollte, als dass man sie mit einem Schulverweis von dort verbannen würde. Sie sollte quasi freiwillig gehen oder eben von ihren Eltern von dort genommen werden. Toni sollte die Schule nach den Sommerferien verlassen. Kurz davor war sie hier oben ins Ferieninternat gekommen. Wo sie einiges gelernt, abgegeben und wiederum anderes angenommen hatte.„Leim“, erwiderte Toni ähnlich gleichmütig, wie sie damals die Prügel in Kauf genommen hatte.

„Wem bist du auf den Leim gegangen?“, hörte sie eine Stimme, die sie nicht mehr zuordnen konnte, denn schon sah sie sich auf dem Boden liegen, und das fürchterlich zugerichtet. Das war nicht der Lohn einer wie auch immer gearteten gewaltvollen Geste in Richtung aller Anwesenden oder Nicht–Anwesenden, denen jenes hernach zugetragen worden war. Dies hier war die Kapitulation eines Kindes, das sich nichts als Unglück gegenübergestellt sah – wie an einen Pranger, so sah es Toni und traute sich dennoch nicht, genau das zu vertonen. So vergingen einige Minuten, ehe sich Alisha aufrichtete und sagte: „Du wolltest sie fertig machen, dabei haben sie dich fertiggemacht. Das war der Leim“, sagte sie ruhig.
Toni selbst sah es leider nur zu deutlich.
„Klassenclown“, formulierte es Ramon deutlich.
„Wir nehmen dir das, wenn du möchtest“, hörte Toni Jeschuas Stimme.
„Was nehmen?“, entgegnete Toni mit unverhohlener Aggression in ihrer Stimme.
„Die Rolle, die du gespielt hast“, entgegnete Jeschua.
„Klassenclown“, wiederholte Ramon.
„Wie Klassenclown“, antwortete Toni und schon startete Gott Vater den Film.

Toni hätte es auch so gewusst. Sie hätte das nicht sehen müssen. Aber sie sah es. Bis in Mark und Bein traf es sie, als sie sah, wie sie sich selbst lächerlich und angreifbar gemacht hatte. Durch eine Rolle, von der sie erwartet hatte, dass diese sie schützen würde.
„Jeschua schützt dich“, hörte Toni Ruachs Stimme und fühlte sich an deren festen Händedruck zu Anfang erinnert.
„Willst du ihnen denn weiter den Clown spielen?“, hörte Toni Gott Vaters ernste Stimme.
„Möchte ich nicht“, murmelte Toni, der schwindelig wurde.

Das wollte sie wirklich nicht mehr. Es war sinnlos. Hier oben und auch dort unten. Niemand nahm sie ernst. Nicht einmal sie selbst.
„Warum?“, weinte Toni plötzlich.
„Weil du dachtest, das schützt dich“, wiederholte Alisha leise und strich Toni liebevoll über den Rücken.
Toni blickte sie an. Alisha meinte es gut mit ihr. Alisha hatte nichts gegen sie. Alisha war selbst mit allem überfordert, auch mit ihrer eigenen Schuld, die sie tapfer trug.
„Du warst es nicht schuld“, sagte Toni erst einmal zu Alisha. „Deine Eltern haben nicht aufgepasst und das wissen sie auch. Und du warst es auch nicht schuld“, sagte Toni an Ramon gewandt.
Dann zeigte es Gott Vater auf der Leinwand, vor der Alisha und Ramon wie reglos standen.

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