Sommerröte 3 – Streifen der Zerissenheit

Ohne es zu wollen blickte Ceija auf die Wundmale des Mannes, der am Kreuz hing. Er war aus Holz und sah nicht gut aus. Eigentlich hatte sie sich nur eine kleine Auszeit nehmen wollen von dem Geräuschpegel im Zelt, den sie nicht gewohnt war. So viele Menschen, so viele Kinder auf engstem Raum. Es war Jesus, von dem ihr ihre Großmutter erzählt hatte. Normalerweise erzählten Großmütter Märchen oder Geschichten. Aber irgendwie spielte diese Figur hier am Kreuz eine Rolle in ihrer Familie. Der Großvater hatte einen Rosenkranz gehabt, den er jeden Tag zwischen seinen Fingern gerollt und dabei komische Dinge gesagt hatte. Eigentlich waren das furchteinflößende Dinge von Gericht und Feuer gewesen. Jedenfalls verband Ceija keine guten Erinnerungen an diesen Mann dort oben am Kreuz.

Doch die Ruhe an diesem Ort betörte sie. Es war eine Stille, die ihr insgeheim guttat. Fernab all der anderen, fernab all ihrer Probleme und Habseligkeiten. Es war kalt hier. Keine Heizung. Unter dem Kreuz stand ein Becken, in dem sie sich gerne gewaschen hätte. Womit sie nicht den Schmutz ihres Körpers meinte. Den hatte sie morgens in den großzügig geschnittenen Duschen abspülen können. Sie meinte einen Schmutz, der auf ihrer Seele lag. Den Schmutz einer Verstoßenen, des Mädchens, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Das vor Männern geflohen war, die es verkauft hätten. Ceijas Körper. Nicht ihre Seele. Aber die war genauso schmutzig wie ihr Körper am Morgen, wenn sie aufstand und versuchte, es allen recht zu machen. Der Familie. Komischer Begriff, durchzuckte es sie. Zu arm um zu leben, zu schwach um zu sterben. Und mittendrin Nedjo, nicht viel älter als sie und als männliches Mitglied der Familie doch viel angesehener. Warum eigentlich? fragte sich Ceija mit Blick auf den Mann mit dem zur Seite geneigten Kopf, der Leiden ausdrückte.

Ihr Leid war das jedenfalls nicht, dachte Ceija, denn was wusste diese Holzfigur schon davon? Am falschen Ort im falschen Körper geboren zu sein. Nichts zu sein. Geboren zu sein, um die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Es fröstelte sie, wenn sie zurück an ihre Kindheit dachte. Schule – warum? Wünsche – wozu? Bedürfnisse – nie die ihren. Eine grande miseria von Anfang an. Und wozu das alles? Jäh wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als Tim hereintrat. Mit jugendlicher Kraft, männlicher Stärke und gottgeweihter Autorität trat er auf sie zu. „Ceija“, lächelte er, „suchst du auch die Ruhe?“, fragte er und trat näher. Die Schatten unter ihren Augen waren ihm schon aufgefallen, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Ceija blickte zu Boden. Kälte schlug ihr entgegen. Der Hass einer gesamten Gesellschaft schlug ihr im Innersten ihres Erlebens entgegen, während Tim ihre Zurückhaltung fast ins Gesicht schoss. Wer hier ankam, hatte nichts mehr.

Egal woher sie kamen und wer sie in ihren Leben zuvor gewesen waren, hier waren sie niemand mehr. Was sie zurückgelassen hatten, ihre Heimat, Häuser, gut bezahlte Jobs, Autos, Familien, hier zählte das alles nichts mehr. Hier waren sie nichts als Menschen, mit nichts als ihren Kleidern am Leib. Und Ceija gehörte ganz eindeutig dazu. „Warum bist du hierhin gekommen?“, fragte Tim und stellte sich neben sie. Ceija wagte nicht, aufzuschauen. Sie wusste um ihre Vorbehalte Deutschen gegenüber, anderen Menschen gegenüber, sogar ihren Landsleuten gegenüber. Es kam ihr wie Verrat vor, hier unter dem Kreuz, das sie nicht verstand. Was sollte sie ihm antworten? Wie weit sich einem Mann gegenüber ausziehen, den sie nicht kannte, dessen Kultur sie nicht verstand und von dem sie eigentlich nichts wissen wollte? Nur ein Begriff kam ihr in den Sinn, über den sie nie nachgedacht hatte, so lange Nedjo für alles gesorgt hatte.

„Menschenhandel“, sagte sie schließlich, der Einfachheit halber. Tim nickte. Das war das Milliardengeschäft des 21. Jahrhunderts. Das stellte selbst den guten alten Drogenhandel in den Schatten. Kein Wunder bei Ceija, die diese schlichte Schönheit menschlicher Weiblichkeit verkörperte. Ein sinnlicher Mund, dunkle, große Augen, gerade Wangen, ein Körper wie maßgeschneidert, schlank durch Armut, unterwürfig mangels Bildung, schwach per Geschlecht. „Hat Nedjo dich hierhergebracht?“, fragte Tim. In den Turnhosen sah sie fast lächerlich aus. Aber er konnte sich vorstellen, wie sie in einem gut sitzenden Kleid aussehen würde. Makellos. Es sei denn, sie beherberge ebenso viele körperliche Narben wie die meisten von denen, die ihre Reise nach Deutschland nicht ohne Verluste überstanden hatten.

Ceija zeigte ihm ihre Narben nicht. Die Narben ihrer Familie, die Narben ihrer Flucht, die Streifen ihrer eigenen Zerrissenheit, jemand zu sein, der sofort abgelehnt wurde, noch ehe sie ein Wort gesagt hatte. „Hallo“ ging auch nicht, darüber waren sie schon hinweg. „Nein“, murmelte sie. „Du?“, fragte Tim. Es erschütterte sie. Sie waren nur hier, weil Nedjo eine Frau zusammengeschlagen hatte. Das würde sie ihm jetzt wohl eher nicht unter die Nase reiben. „Waren sie hinter dir her?“, versuchte es Tim erneut. Wollte er es ihr leicht machen?, fragte sich Ceija. „Wir mussten gehen“, antwortete sie knapp und blickte Tim von der Seite an. Er war im richtigen Land geboren, sie nicht. „Okay“, lächelte Tim. „Ich lasse dich in Ruhe. Aber du sollst wissen, ich bin immer für dich da.“ Ceija nickte und blickte wieder zu Boden.

Wenn es drauf ankam, war nie jemand für sie dagewesen. Welchen Unterschied sollte da dieser Pastor machen? Als Tim gegangen war, setzte sich Ceija in eine Bankreihe und dachte nach. Was erwartete sie? Eigentlich nichts. Sie erwartete gar nichts. Nur Ruhe. Die sie hier fand. Erst einmal würde sie Deutsch lernen. Und dann würde sie allen erzählen, wie es bei ihr zu Hause wirklich gewesen war.

Löwenmut II – In einer Zeit wie diese 1

Ich öffne Tore

„Toni, was siehst du?“, hörte das Mädchen Gott Vaters Stimme.
Die Stimme des guten Vaters. Die im Widerspruch zur Stimme ihres leiblichen Vaters stand. Was sehr schwer für Toni zu unterscheiden war. Toni sah Leim. Den kannte sie aus dem Werkunterricht. Da war sie ihrer Rolle als Klassenclown sehr treu gewesen und hatte einer Laune entsprechend den Werkhammer durch eines der Fenster geschossen, das daraufhin mit einem markerschütternden Scheppern in tausend Einzelteile zerborsten war. Weder vor noch nach ihr hatte eine Schülerin oder ein Schüler willentlich etwas ähnlich Zerstörerisches fertiggebracht, woraufhin Toni zu Hause erneut einer Tracht Prügel ausgesetzt gewesen war, die sie mit Gleichmut hingenommen hatte. Im Innersten war sie vollkommen davon überzeugt gewesen, gerade jenen Tag bewiesen zu haben, mächtiger als jede Einheit Prügel zu sein, die sie jemals bekommen hatte oder jemals beziehen würde. Danach hatte es niemanden mehr gegeben, der ihr zu nahegetreten war. Danach hatte sie zu den „Schlimmen“ gehört, also zu den ganz Skrupellosen, was ihr wie eine Auszeichnung vorgekommen war. In der Schulkonferenz war sie jemand gewesen, und zwar jemand, der ihren Eltern als jemand verkauft wurde, der besser von der Schule genommen werden sollte, als dass man sie mit einem Schulverweis von dort verbannen würde. Sie sollte quasi freiwillig gehen oder eben von ihren Eltern von dort genommen werden. Toni sollte die Schule nach den Sommerferien verlassen. Kurz davor war sie hier oben ins Ferieninternat gekommen. Wo sie einiges gelernt, abgegeben und wiederum anderes angenommen hatte.„Leim“, erwiderte Toni ähnlich gleichmütig, wie sie damals die Prügel in Kauf genommen hatte.

„Wem bist du auf den Leim gegangen?“, hörte sie eine Stimme, die sie nicht mehr zuordnen konnte, denn schon sah sie sich auf dem Boden liegen, und das fürchterlich zugerichtet. Das war nicht der Lohn einer wie auch immer gearteten gewaltvollen Geste in Richtung aller Anwesenden oder Nicht–Anwesenden, denen jenes hernach zugetragen worden war. Dies hier war die Kapitulation eines Kindes, das sich nichts als Unglück gegenübergestellt sah – wie an einen Pranger, so sah es Toni und traute sich dennoch nicht, genau das zu vertonen. So vergingen einige Minuten, ehe sich Alisha aufrichtete und sagte: „Du wolltest sie fertig machen, dabei haben sie dich fertiggemacht. Das war der Leim“, sagte sie ruhig.
Toni selbst sah es leider nur zu deutlich.
„Klassenclown“, formulierte es Ramon deutlich.
„Wir nehmen dir das, wenn du möchtest“, hörte Toni Jeschuas Stimme.
„Was nehmen?“, entgegnete Toni mit unverhohlener Aggression in ihrer Stimme.
„Die Rolle, die du gespielt hast“, entgegnete Jeschua.
„Klassenclown“, wiederholte Ramon.
„Wie Klassenclown“, antwortete Toni und schon startete Gott Vater den Film.

Toni hätte es auch so gewusst. Sie hätte das nicht sehen müssen. Aber sie sah es. Bis in Mark und Bein traf es sie, als sie sah, wie sie sich selbst lächerlich und angreifbar gemacht hatte. Durch eine Rolle, von der sie erwartet hatte, dass diese sie schützen würde.
„Jeschua schützt dich“, hörte Toni Ruachs Stimme und fühlte sich an deren festen Händedruck zu Anfang erinnert.
„Willst du ihnen denn weiter den Clown spielen?“, hörte Toni Gott Vaters ernste Stimme.
„Möchte ich nicht“, murmelte Toni, der schwindelig wurde.

Das wollte sie wirklich nicht mehr. Es war sinnlos. Hier oben und auch dort unten. Niemand nahm sie ernst. Nicht einmal sie selbst.
„Warum?“, weinte Toni plötzlich.
„Weil du dachtest, das schützt dich“, wiederholte Alisha leise und strich Toni liebevoll über den Rücken.
Toni blickte sie an. Alisha meinte es gut mit ihr. Alisha hatte nichts gegen sie. Alisha war selbst mit allem überfordert, auch mit ihrer eigenen Schuld, die sie tapfer trug.
„Du warst es nicht schuld“, sagte Toni erst einmal zu Alisha. „Deine Eltern haben nicht aufgepasst und das wissen sie auch. Und du warst es auch nicht schuld“, sagte Toni an Ramon gewandt.
Dann zeigte es Gott Vater auf der Leinwand, vor der Alisha und Ramon wie reglos standen.

Löwenmut I – In einem anderen Reich 1

Das ist der Anfang der Löwenmut-Geschichten
In einem anderen Reich
ist das erste Buch.

Das Mädchen stand reglos vor einer Müllkippe. Die Augen geschlossen nahm es den Geruch wahr. Von Abfall, Verwesung und Eisen, das ihm wie ein Brechmittel vorkam. Doch Toni wollte nicht brechen. Nicht nachdem sie in der Nacht zusammengebrochen und in der Früh wieder aufgestanden war. Alles war ruhig gewesen. Nur die Vögelchen hatten gezwitschert, was Toni wie der Klang von Freiheit vorkommen war. Schwerelos und leicht. Es war wie eine Melodie in ihren Ohren gewesen, die sie nach draußen gerufen hatte. Ruhig und klangvoll. Mit starkem Verlangen nach irgendetwas war sie vor die Tür getreten und hatte ihren Weg begonnen, ohne zu wissen, wohin dieser sie führen würde. Schule war nichts, was Toni richtig gut fand. Und auch sonst gab es wenig, was ihr richtig Freude machte. Eher schien ihr alles trostlos. In und um sich herum. Alles was sie wollte war, raus aus ihrer Situation zu kommen. Die ihr aussichtslos vorkam. Also lief sie einfach weiter.

Als Toni oben auf dem Müllhügel angekommen war, strich ein Windhauch fast liebevoll durch ihre langen Haare. Toni besaß keine Sonnenbrille, so dass die gleißend hellen Lichtstrahlen auf ihre Augen trafen und fast eine Explosion auslösten. Für einen Augenblick sah Toni nichts als nur Schwarz. Dann kam das Licht, heller und strahlender als alles, was das Kind jemals wahrgenommen hatte.[1] Plötzlich legte sich der leichte Wind und wurde alles still. Gespenstig still. Da war gar nichts mehr. Kein Geräusch, keine Brise und auch kein Laut. Und dann stand er vor ihr, der junge Mann, der Toni mitten in die Augen sah, als habe er ihre Augen gerade erst geöffnet. Für etwas anderes, als es Toni bislang gewohnt gewesen war.

„Was machst du hier?“, fragte der Mann und blickte das Kind ruhig an.
Toni starrte zurück. Minutenlang schwiegen sie. Toni hatte keine Lust mehr, sich zu erklären oder irgendjemandem zu antworten. Egal was sie sagte, sie erntete nur Hohn und Gelächter. Gestern Abend hatte sie sogar richtig eins abbekommen. Von ihrem eigenen Vater. Einfach nur, weil sie im Weg gestanden hatte. Mit einem Schlag war sie weggefegt worden. Und jetzt hoffte Toni, würde sie der Wind wegfegen. Einfach nur wegfegen. So lange, bis sie gar nichts mehr fühlen würde. Weder sich selbst noch die anderen. Weder ihr eigenes Leben noch das der anderen.
„Hast du keine Freunde?“, fragte der Mann sanft. Toni blickte ihn ausdruckslos an und schüttelte den Kopf.

„Nein, ich habe keine Freunde“, antwortete sie schließlich doch.
„Findest du keine?“, fragte der junge Mann, der Toni etwas zu fröhlich vorkam.
„Ich bin immer ausgeschlossen. Alle finden mich doof“, entfuhr es Toni ungewollt ehrlich.
„Bist du dir denn selbst ein guter Freund?“, fragte der Mann.
„Nein. Ich kann es nicht mehr“, flüsterte Toni.
„Darf ich dein Freund sein?“, fragte der Mann sanft und blickte Toni an.
„Ja“, flüsterte sie.
Im Grunde hatte sie nichts mehr zu verlieren. Ihr Leben war ihr irgendwie schon lange abhandengekommen.

„Ich heiße Jeschua. Jeschua Noun“, sagte der Mann und streckte Toni seine Hand hin.
„Toni. Toni Guard“, entgegnete sie und erwiderte seinen festen Händedruck.
Wenn dieser Mann sie kennenlernen wollte, würde sie sich ihm nicht in den Weg stellen. Zumal der Mann eher Toni im Wege stand.
„Komm“, sagte der hell scheinende Mann, „wir gehen woanders hin. Dort, wo dich niemand kennt. Möchtest du?“, fragte er und blickte Toni an.
„Ja“, antwortete sie ruhig, obwohl sie wusste, dass sie nicht mit Fremden mitgehen durfte.
Doch irgendwie gab es in Tonis Leben zu viel, was sie nicht tun durfte, so dass sie schon den ersten Schritt tat, fast ohne nachzudenken.

Mit einem Mal, den Toni diesen Weg begonnen hatte, überkam sie das Gefühl, fliegen zu können. Aber schon kurz darauf fühlte sie wieder Boden unter ihren Füßen. Sie waren in einem Garten angekommen. In einem atemberaubend schönen Garten. Einem Garten mit einem plätschernden Brunnen und herrlichen Blumen, deren Duft Toni tief einatmete. Das Vogelgezwitscher dort schien ihr wie endlose Musik, die sie beruhigte und all das in ihr zu sortieren schien, was durch die Prügel, die sie regelmäßig bezog, durcheinander gerüttelt worden war.
„Wie geht es dir?“, fragte Jeschua und führte Toni an der Hand weiter über eine Wiese, die so weich war, dass sie am liebsten die alten Schuhe weit von sich geschleudert hätte.
Die passten ihr schon lange nicht mehr. Und gefallen taten sie ihr auch nicht.

„Jeschua“, platzte es plötzlich aus Toni heraus: „Ich fühle mich schrecklich, schrecklich einsam. Niemand versteht mich. Niemand ist für mich da. Und alle lachen über mich.“
„Warum?“, fragte Jeschua und setzte sich mit Toni ins Gras.
„Vielleicht weil ich einfach anders bin als die anderen“, flüsterte Toni und wurde ganz bleich.

So offen war das Kind schon lange nicht mehr gewesen.
„Und warum fühlst du dich so anders?“, fragte Jeschua und strich ihr zärtlich über den Rücken. Niemand hatte sie in letzter Zeit so sanft berührt. Und niemand hatte sie gefragt, was in ihr eigentlich alles so vorging. Niemand hatte sich Zeit für sie genommen. Anscheinend schien sie das auch nicht wert zu sein, denn sonst hätte sich doch jemand mit ihr so beschäftigt, wie es der junge Mann hier neben ihr tat.
„Beschreib mir doch mal dein Gefühl von Einsamkeit“, entgegnete Jeschua und blickte sie ruhig an.

Solch eine Ruhe hatte sie schon lange nicht mehr empfunden. Toni überlegte lange. Sie fand keine Worte dafür. Nach einer Weile sagte sie: „Es ist einfach immer alles Schwarz. In mir und um mich herum. Als sei es immer Nacht. Und als könnte ich nach all dem, was um mich herum ist, gar nicht mehr greifen. Als gebe es eine Scheibe zwischen mir und den anderen.[2] Vielleicht“, fuhr Toni leise fort, „ist es sogar so, als sei ich in einem Gefängnis. In einem Keller, aus dem ich einfach nicht mehr herausfinde. Als hätte ich den Schlüssel verloren“, murmelte sie und blickte Jeschua fragend an.

„Wann hast du denn den Schlüssel zu deinem Leben verloren?“, fragte er ruhig.
Toni atmete ein paar Mal kräftig ein und wieder aus. Etwas lag auf ihrer Brust. Wie lange schon, konnte sie nicht sagen. Sie verstand auch nicht richtig, was sie mit „Schlüssel“ eigentlich meinte. Sie hatte einen für zu Hause, der um ihren Hals hing. Den hatte sie öfter schon verloren und jedes Mal eine mächtige Tracht Prügel dafür bezogen. Mal ganz abgesehen von dem Geschrei, das den Prügeln vorausgegangen war. Und dann war sie in ihr Zimmer gesperrt worden. Allein und verlassen, so hatte sie sich gefühlt. Einsam eben. Sollte sie ihm also erzählen, dass sie verprügelt wurde? Und waren diese Prügel eigentlich das Schlimmste? Wenn sie ganz ehrlich war, fühlte sie die kaum noch. Aber auch die Worte, die sie ihr entgegenschmetterten, fühlten sich an wie Prügel, genauso wie das Gelächter, wenn Toni irgendetwas sagte oder tat.

Darum kam sie sich vielleicht auch so anders vor. Wie in einem Kreislauf gefangen, aus dem sie eben nicht mehr alleine herausfand. Dann tat sie wohl Dinge, die die anderen provozierten. Oder sie war einfach so, dass die anderen meinten, sie dürften auf sie einschlagen oder zu treten. Auch mit ihren Worten, von denen sie sich oft genug wie vernichtet fühlte. Niedergedrückt, als könne sie gar nicht mehr aufstehen.
„Ich fühle mich ungeschützt“, entfuhr es Toni plötzlich. „Wie nackt.“

Jeschua nickte und drückte fest ihre Hand. Alles an ihm drückte ehrliche Anteilnahme aus. Auch sein Blick. Fast war ihr, als hätte er das auch schon erlebt.
„Ist dir das auch schonmal so gegangen?“, fragte Toni schließlich und blickte ihm mitten in die Augen.
„Ja“, nickte Jeschua und legte ihre Hand auf seine Brust.
„Fühlst du meinen Herzschlag?“, fragte er.Sie sah ihn weiter an und nickte ebenfalls.
„Ich kann ihn fühlen“, erwiderte sie.
Toni kam es so vor, als könne sie nach langer Zeit erstmals wieder einen anderen Menschen fühlen.

„Mein Herz schlägt für dich“, flüsterte er.
Daraufhin durchzog das Mädchen ein wohliges Gefühl. Hatte sie endlich jemanden gefunden, dem sie wirklich am Herzen lag oder spielte er ihr auch nur etwas vor, um sie dann nach Strich und Faden fertig zu machen? Würde auch er sie antasten und im schlimmsten Fall ausziehen, wie es ihr auch schon geschehen war?
„Fühlst du dich angetastet?“, fragte Jeschua, als hätte er in ihren Gedanken gelesen wie in einem offenen Buch.
Kannte er ihr Innerstes, weil er das auch schon alles erlebt hatte?
„Wer tastet dich an?“, fragte er.
Toni fühlte, wie sie zu zittern begann. Stand sie vor dem größten Verrat ihres Lebens? Und würde sie den dann überhaupt noch überleben?

„Es ist wie eine unsichtbare Hand, die sich auf mich gelegt hat“, flüsterte Toni und spürte, wie ihr Herz wild zu pochen begann.
Wieder schien diese Angst in ihr hoch zu kommen, die sie so oft und so lange schon zu unterdrücken versucht hatte. Toni wusste nicht, was sie tun sollte, um den Schmerz zu lindern, so dass sie ihrerseits nach seiner Hand griff und auf ihr Herz legte.
„Fühlst du meine Angst?“, flüsterte sie, als ihr schwindelig wurde.
Dann spürte Toni, wie seine Hand eine Beruhigung ausstrahlte, die durch ihren gesamten Körper floss.
„Du kannst mich rufen“, sagte Jeschua, „bei Tag und bei Nacht. Dann werde ich kommen, lautlos. Und ich werde meine Hand auf dein Herz legen und das wird dich beruhigen.“

Atemlos war Toni seinen Worten gefolgt. Wie konnte das sein.

 

Fußnoten / Zitiert aus der Eberfelder Bibel

[1] Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben. Johannes 8,12

[2] Und ich sah etwas wie ein gläsernes Meer. Offenbarung 15,2

Sommerröte 2 – Auf der Flucht

Leseprobe des 2. Kapitels der Geschichte Sommerröte

Wie ein verwundetes Tier floh er durch die Waldstücke, das Sirenengeheul im Nacken. Er lief über Wurzelgeflechte, über Stock und Stein, das Blut rann ihm von der Stirn, bis er es endlich zu ihrer Siedlung geschafft hatte. Eine Siedlung aus sechs Wagen, vor denen Zelte standen. Mit letzter Kraft sprengte er die Tür und ließ sich auf die Schwelle fallen. Sofort kam seine Schwester Ceija auf ihn zugesprungen, schlug die Hände vors Gesicht, lief zum Waschbottich, befeuchtete ein Tuch und lief zurück zu Nedjo, der sein Gesicht auf den Boden gedrückt hielt.

„Ich wollte das nicht, ich wollte das nicht“, flüsterte er, während sie sich fragte, ob sich die Tränen all dieser vergangenen Jahre mit hineinmischten. Behutsam drehte sie ihn um und reinigte seine Haut vom Blut, dessen Geruch nach Eisen sie fast zum Erbrechen gebracht hätte. Ein Erbrechen, mit dem sie am liebsten auf ihre vollkommen hoffnungslose Situation geantwortet hätte. Jetzt auch Nedjo, ihr Lieblingsbruder, der immer wenigstens versucht hatte, gut zu ihr zu sein. Der damals, als sie in die Hände der fremden Männer gegeben werden sollte, mit einem herzzerreißenden Schrei auf jene zugestürzt war, um seine kleine Schwester aus ihren Fängen zu reißen.

Noch in derselben Stunde hatten sie sich auf die Flucht gemacht, durch Wälder und Täler hindurch, fast ohne Rast. Rausgerissen aus dieser trostlosen neuen Republik Moldau, hinein in das Landinnere von Rumänien, über Ungarn, die Slowakei, Tschechien nach Deutschland, ins verheißene Land. Doch sämtliche Verheißungen waren ausgeblieben.

Niemand hatte ihnen geholfen. Niemand war bereit gewesen, ihnen auch nur so etwas wie einen Hauch von Möglichkeiten zu eröffnen. So waren sie an Gladko geraten, der nicht viel besser als ihr Vater war. Ein Schläger. Dass sich Gladko noch nicht an Ceija vergriffen hatte, war Nedjos hervorstechender körperlicher Statur und Schnelligkeit geschuldet. Nedjo bemühte sich täglich und redlich, die geforderten Abgaben zu leisten, um wenigstens im Schutz Gladkos ein klägliches Dasein zu fristen, von dem er in Moldau nicht geträumt hatte. Außerdem gab er Ceilja als seine Frau aus, denn die Ehe war immerhin noch etwas, vor dem Gladko wenigstens einen Funken von Respekt verspürte, auch wenn der leicht ergraute Anführer immer noch auf kleine Nedjo-Nachfahren wartete, mit denen sich noch mehr Geld machen ließe.

„Ist gut, ist gut“, flüsterte Ceija und strich ihrem Bruder zärtlich über den Rücken. Wie in Zeitlupe glitt die Flucht damals bildlich an ihr vorüber. Die unzähligen demütigenden Momente, ihr Hunger nach Nahrung und Ruhe, ihre Angst im Wald, vor den Tieren und anderen Menschen. Aber sie hatten überlebt. Sie hatten alles überlebt. Sie würden noch viel mehr überleben. Zusammen. Wichtig war nur, dass sie sich hatten. Und so wie Nedjo sich damals um sie gekümmert hatte, als sie 10 Jahre alt gewesen war, würde sie sich jetzt um ihn kümmern, ihren Retter, ihr Heiligstes.

Da er nichts mitgebracht hatte, hatten sie nichts zu essen. So reichte sie ihm einen kleinen Becher mit einer Maria darauf und gab ihm zu trinken. Doch statt nach dem Gefäß zu greifen, schlug er den Kelch aus ihrer Hand. Seine Lippen verkrampften, als er in ihrem Heimat-Dialekt wie besinnungslos zu schreien begann. In Panik versetzt legte sie das nasse Tuch über sein Gesicht, bis er kaum noch einen Mucks von sich gab. Erst danach war sie fähig, seinen schweren Körper auf die Matratze zu ziehen. Ab da wog sie ihn die gesamte Nacht hindurch bis zum Sonnenaufgang in ihren Armen, wiederholt flüsternd: „Es wird alles gut, es wird alles gut, alles wird gut werden.“ Immer wieder schreckte er auf, das Bild der am Boden liegenden Frau vor sich. Ich wollte das nicht, rang er in Gedanken mit sich und hob seine inneren Augen gen Himmel.

Doch da war nichts. Ab und an schlug Gladkos Hund an, ironischerweise ein deutscher Schäferhund. Wie gerne wäre Nedjo zurückgekehrt. Aber er wusste nicht mehr, wohin überhaupt. Auch in Moldau waren sie nicht erwünscht gewesen, gedemütigt und fortgejagt. Nichts und niemand hatte ihnen Halt geben können. Nicht die Großfamilie und auch nicht der Alkohol, der in ihrer Verzweiflung stärker floss als das Wasser aus Leitungen, die ihnen regelmäßig zerschnitten wurden. Mit den frühen Morgenstunden setzte sein Zittern ein, so dass Ceija ihrem Bruder ein weiteres Gefäß reichte: Obstschnaps. Selbstgebrannt. Das erste, was der Großvater ihr beigebracht hatte.

Damals war Ceija sechs Jahre alt gewesen. Ihre Bildung hatte darin bestanden, die Baracke aufzuräumen, den männlichen Familienmitgliedern nach Kräften zu Diensten zu sein und mit dem Familienoberhaupt das faule Obst in etwas zu verwandeln, was noch mehr Unglück über sie alle brachte, aber zumindest den schlimmsten Hunger stillte. Nach allem. Sehnsuchtskiller nannten es die Geschwister schließlich, die schon beizeiten davon träumten, ihr Glück in einem anderen als dem von der Sowjetunion ruinierten Land zu finden. Auch die Republikgründung nach dem Zerfall des Ostblocks, auf die manche ihre Hoffnung gesetzt hatten, ging an ihnen so spurlos vorüber wie die großzügigen Transferleistungen, mit denen sich die korrupten Regierungsmitglieder ihr eigenes Reich schufen.

Nachdem Nedjo endlich vollkommen erschöpft eingeschlafen war, verriegelte Ceija den Wagen von außen und lief zur Hauptstraße, die sie zum Einkaufszentrum brachte. Den ganzen Tag saß sie vor Läden und bettelte. Sie tat es lächelnd, doch das Grauen ihrer Lebenssituation spürte sie mit jedem Menschen, der an ihr vorüberlief, wie ein Messer in ihrem Herzen bohren. Lieber wäre sie zerbrochen und zerborsten, als dort zu sitzen, vor den demütigenden Augen der anderen, denen es gutging und für die sie nichts anderes als Dreck war, der ihren Weg säumte. Gegen Abend gab sie sich einen Ruck und lief in eines der Geschäfte, aus dem sie wortkarg hinausgeworfen wurde. „Geh zur Kirche“, raunte ihr eine Frau zu, „die kümmern sich um solche wie dich.“

Mit diesen Worten im Ohr entriegelte Ceija das Schloss zum Wagen und trat ein. Alles, was sie hatte, waren ein paar verschimmelte Äpfel, die sie aus dem Abfall gezogen hatte. Und morgen würde Gladko vor ihnen stehen und die vollkommen absurde Platzmiete einfordern. Wie oft hatte Gladko ihrem Bruder zu verstehen gegeben, dass er durchaus bereit war, Naturalien anzunehmen. Ceija. Ceijas Leib. Vielleicht war es endlich so weit. Oder sie mussten wieder fliehen. Wobei Gladko zuzutrauen war, sie überall aufzuspüren. Nur nicht in einer Kirche, überlegte Ceija. Vielleicht war das die Rettung in diesem Augenblick, den Nedjo nicht mehr in der Lage war, ihr Überleben zu sichern. „Hey“, flüsterte sie.

Er lag noch immer auf der Matratze, so, wie sie ihn früh morgens verlassen hatte. Langsam schlich sie auf ihn zu. Reglos lag er da. Sie fürchtete, er sei an inneren Verletzungen gestorben. Eilig griff sie nach seiner Hand. Sie war warm. Aber sein Blick war kalt, als er die Augen öffnete und sie ansah, als sei sie ein Geist. „Ich kann mich nicht mehr um dich kümmern“, flüsterte er, was ihr wie ein Todesurteil vorkam. „Morgen gehen wir“, sagte sie und setzte sich an seine Seite. „Wohin“ murmelte er, „es gibt keinen Platz für uns“. „Doch“, insistierte sie. „In der Kirche unten am Wasser, dort werden wir es einfach versuchen. Wir haben alles überstanden.  Wir werden auch das noch schaffen.“ Mit diesen Worten ließ sie von ihm. Lange lag Ceija wach und lauschte seinen Atemzügen. Sie hatten nichts mehr zu verlieren.

Sommerröte 1 – Als die Flut kam

Der Anfang der Geschichte

Mit diesem Kapitel beginnt der Roman Sommerröte von Autorin Isabelle Dreher.

Joa hatte es ihr beigebracht: Nicht zu verurteilen. Niemanden. Auch sich selbst nicht. Er führte sie an Orte, die sie ohne ihn nie gefunden hätte. Orte in ihrem Inneren, zu denen die Türen Zeit ihres Lebens verschlossen gewesen waren. Wie eine Flüchtende war sie bis zu ihm durch ihr Leben gehetzt. Immer auf der Suche nach einem sicheren Platz für sich, ihr Leben und das ihrer Kinder. Das Leben, das sie in einen Sarg gestopft hatte wie all die Empfindungen, an die sie sich nicht mehr erinnern wollte. Bis Joa in ihr Leben trat. In etwas, an dem sie verzweifelt festhielt, ohne loslassen zu können. Joa kam lautlos. Sie bemerkte ihn fast nicht.

In dem Moment, den Helena die Terrassentür splittern hörte, rannte sie in panischer Angst um ihre Kinder herunter. Schweißperlen umspülten ihren Körper, ihr Herz raste und dann stand sie vor ihm. Einem jungen Mann, gutaussehend, muskulös, dunkelhaarig. Jemand von dem Schlag, den sie mit leiser Verachtung gestraft hatte, wenn er ihr vor den Einkaufsläden ein Lächeln geschenkt und „Hallo“ gesagt hatte. Dieser hier sagte nicht „Hallo“, sondern schlug sofort zu. Helenas Gedanken zersplitterten im selben Augenblick. Sie sah tausend Sterne, als sie zu Boden ging. Der Schmerz war unbeschreiblich. Es war, als wäre ihre Körpermitte zerbrochen und in tausend Einzelteile zerborsten. In diesem Augenblick, den sie sich dem Tod näher fühlte als allem, was sie jemals erlebt hatte, war ihr, als würde ihre Schädeldecke oben gesprengt und sähe sie das Licht, von dem so viele sprachen, wenn sie meinten, ins Jenseits zu wechseln.

Für einen kurzen Augenblick war ihr, als sähe sie eine Gestalt in gleißendes Licht wie pures Gold getaucht, jemanden, der in ein weißes Leinentuch gewickelt war und zu ihr sagte: „Atme“. Helena war, als würde der Mann seine Arme um sie legen und sie trösten. Es war, als sei ihre „innere Stimme“ zu einem Tosen angeschwollen, das nur noch eines von ihr verlangte: Ihrem Herzmuskel zu befehlen, beweg dich, du kannst dich jetzt nicht ausruhen, fülle meinen Körper mit Sauerstoff, sonst bin ich verloren. Dann kam die Welle. Alles spulte sich vor ihrem inneren Auge ab, was bis dahin Bedeutung gehabt hatte. Ihre Geburt, ihre ersten Schritte, Kindergarten, Einschulung, Urlaub in Italien, erster Fechtkurs, Abiturfeier, Hochzeit, Hauskauf, Geburt der Kinder, deren Einschulung usw. Und dann vermischte sich alles wie in einem tosenden Meer, das weder Anfang noch Ende kannte. Ihr Körper ruckelte, sie spürte jeden einzelnen Knochen, der in ihr war und wie sich alles verschob.

Sämtliches in ihr wurde durchgeknackt. Im letzten Augenblick, ehe sie ihr Bewusstsein verlor, dachte sie an ihre 13-jährige Tochter Sophie, wie sie zur Aufführung beim Breakdance „Die Welle“ gemacht hatte. Ihr schien es eher wie eine Flut, die einmal durch sie hindurch rammte, um sie hernach unsanft auf den Boden zu schleudern, von dem sie nicht mehr würde alleine aufstehen können. Es war ein schöner Boden, Holz. Warmes, durch Fußbodenheizung erwärmtes, helles Ahornholz, lackiert. Sie sah noch die Summe, die sie dem Handwerker für das ganze Haus überwiesen hatten: ein Kleinwagen. Dann wurde es schwarz in ihr.

Als Helena wieder zu sich kam, standen ihre drei Kinder zitternd um sie herum. Alles, was sie wahrnahm, waren ihre Augen, blau, grün, dunkelbraun, die so groß waren wie dunkle Krater in der Erdoberfläche. Sie meinte, ihre in kalte Angst eingetauchten Rufe zu hören, die nach ihr schrien, immer wieder: „Mami, Mami“, doch die Kinder waren vom Schock so gelähmt, dass sie kein Wort herausbrachten. Bevor sie in den Notarztwagen geschoben wurde, sah sie im Augenwinkel Sandra, die Nachbarin, die ihr zunickte und ihr bedeutete, sie würde sich um die Kinder kümmern. Sandra und ihr Mann Thomas mussten auch die Polizei benachrichtigt haben, die bereits die Einbruchspuren untersuchten und eine Psychologin für die Kids angefordert hatten.

Mit Sirenengeheul wurde Helena eingeliefert. Das Notarztteam übergab sie dem Chirurgen, der ihr Fragen stellte, die sie nicht verstand, aber mechanisch beantwortete. Innerhalb von wenigen Minuten war sie an verschiedene Kanülen und Geräte angeschlossen. Dann verlor sie erneut das Bewusstsein. Es war, als glitte sie in einen Traum, in dem es keine Zeit gab. Weder Vergangenheit noch Zukunft.

Alles war still und lief wie in Zeitlupe ab. Sie sah, wie sich eine Pforte zu einem Garten öffnete. Ohne zu zögern trat sie ein. Dort war Musik, himmlische Musik, hell und klar. In dem Garten plätscherte ein Brunnen, die Blütenpracht war unbeschreiblich. Wieder trat der Mann in Weiß auf sie zu und hieß sie willkommen. Dankbar erwiderte sie sein Lächeln und bestaunte die Umgebung. Am Horizont lag eine Bergkulisse von atemberaubender Schönheit.

„Du bist sicher hier Helena“, sagte der Mann und griff nach ihrer Hand. „Komm, ich zeig dir alles.“ Wie auf Watte lief sie hinter ihm her. Er führte sie zu einem Haus mit hellblauen Fensterläden und einer ebenfalls geöffneten Tür. Zögerlich trat sie ein. Der Eingangsbereich war weiträumig und hell. An der Wand stand eine Anrichte mit einem großen Spiegel. Sie konnte sich sehen – als Kind. Rechts und links davon gingen weiß getünchte Türen ab, an der Seite führte eine große Wendeltreppe nach oben. Aufmunternd nickte ihr der Mann zu und lief voran. Sie hielt sich an dem goldenen Geländer fest und schaute auf die Bilder, die die Treppe säumten. Bilder aus ihrer Kindheit.

Als sie auf der ersten Etage angekommen war, erkannte sie, wo sie war. Im Haus ihrer Großeltern. Das Schlafzimmer am Ende des Flures war ihr Zimmer. Vorsichtig trat sie ein. An die Wand war ihr Skateboard gelehnt, daneben stand das Surfbrett. Auf dem Regal neben der Tür waren einige ihrer Fechttrophäen aufgereiht. Das Bett unter dem Fenster zum Garten war mit ihrer Lieblingsbettwäsche bezogen: weiß-rosa Karos mit feinen orangenen Streifen abgesetzt. Am Kopfende entdeckte sie ihr erstes Florett. Mit weit aufgerissenen Augen lief sie darauf zu und hielt es hoch.

“Dein Großvater hat es dir geschenkt als du zehn warst“, lächelte der Mann. Sie lachte hell auf. „Ja, meine Mutter wollte das nicht und schimpfte mit ihm, aber ich nahm es und forderte meinen Großvater zum ersten Duell meines Lebens heraus. Es dauerte noch eine Weile, bis ich endlich in den ersten Kurs kam. Das war eine schöne Zeit“, lächelte Helena und blickte den Mann dankbar an. „Weißt du noch, warum du so oft hier warst?“, fragte er. Sie blickte zu Boden, auf die Holzfaserungen, die vielen Verästelungen und Verzweigungen. „Ich erinnere mich nicht mehr“, gab sie zu und sah in seine Augen.

Es war, als versänke sie in diesem Augenblick in einem Meer aus unheimlichen Gefühlen, die sie umspülten. „Du warst mal einen ganzen Sommer hier“, sagte er. Sie konnte sich nicht von seinem Blick lösen. „Es hat lange gedauert, bis dein Arm wieder in Ordnung war und die Prellungen zurückgingen.“ Sie nickte. „Meine Mutter hatte Angst, dass mich mein Vater totschlägt“, flüsterte sie. Als ihre Tränen zu fließen begannen, nahm er sie behutsam in die Arme. „Du bist sicher hier“, wiederholte er und wog sie sanft an seinem Körper. Nach einer Weile löste er die Umarmung. „Du musst zurück, sie warten auf dich“, sagte er leise. Helena nickte. Dann wachte sie auf.