Sommerröte 3 – Streifen der Zerissenheit

Ohne es zu wollen blickte Ceija auf die Wundmale des Mannes, der am Kreuz hing. Er war aus Holz und sah nicht gut aus. Eigentlich hatte sie sich nur eine kleine Auszeit nehmen wollen von dem Geräuschpegel im Zelt, den sie nicht gewohnt war. So viele Menschen, so viele Kinder auf engstem Raum. Es war Jesus, von dem ihr ihre Großmutter erzählt hatte. Normalerweise erzählten Großmütter Märchen oder Geschichten. Aber irgendwie spielte diese Figur hier am Kreuz eine Rolle in ihrer Familie. Der Großvater hatte einen Rosenkranz gehabt, den er jeden Tag zwischen seinen Fingern gerollt und dabei komische Dinge gesagt hatte. Eigentlich waren das furchteinflößende Dinge von Gericht und Feuer gewesen. Jedenfalls verband Ceija keine guten Erinnerungen an diesen Mann dort oben am Kreuz.

Doch die Ruhe an diesem Ort betörte sie. Es war eine Stille, die ihr insgeheim guttat. Fernab all der anderen, fernab all ihrer Probleme und Habseligkeiten. Es war kalt hier. Keine Heizung. Unter dem Kreuz stand ein Becken, in dem sie sich gerne gewaschen hätte. Womit sie nicht den Schmutz ihres Körpers meinte. Den hatte sie morgens in den großzügig geschnittenen Duschen abspülen können. Sie meinte einen Schmutz, der auf ihrer Seele lag. Den Schmutz einer Verstoßenen, des Mädchens, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte. Das vor Männern geflohen war, die es verkauft hätten. Ceijas Körper. Nicht ihre Seele. Aber die war genauso schmutzig wie ihr Körper am Morgen, wenn sie aufstand und versuchte, es allen recht zu machen. Der Familie. Komischer Begriff, durchzuckte es sie. Zu arm um zu leben, zu schwach um zu sterben. Und mittendrin Nedjo, nicht viel älter als sie und als männliches Mitglied der Familie doch viel angesehener. Warum eigentlich? fragte sich Ceija mit Blick auf den Mann mit dem zur Seite geneigten Kopf, der Leiden ausdrückte.

Ihr Leid war das jedenfalls nicht, dachte Ceija, denn was wusste diese Holzfigur schon davon? Am falschen Ort im falschen Körper geboren zu sein. Nichts zu sein. Geboren zu sein, um die Bedürfnisse anderer zu erfüllen. Es fröstelte sie, wenn sie zurück an ihre Kindheit dachte. Schule – warum? Wünsche – wozu? Bedürfnisse – nie die ihren. Eine grande miseria von Anfang an. Und wozu das alles? Jäh wurde sie aus ihren Gedanken gerissen, als Tim hereintrat. Mit jugendlicher Kraft, männlicher Stärke und gottgeweihter Autorität trat er auf sie zu. „Ceija“, lächelte er, „suchst du auch die Ruhe?“, fragte er und trat näher. Die Schatten unter ihren Augen waren ihm schon aufgefallen, als er sie das erste Mal gesehen hatte. Ceija blickte zu Boden. Kälte schlug ihr entgegen. Der Hass einer gesamten Gesellschaft schlug ihr im Innersten ihres Erlebens entgegen, während Tim ihre Zurückhaltung fast ins Gesicht schoss. Wer hier ankam, hatte nichts mehr.

Egal woher sie kamen und wer sie in ihren Leben zuvor gewesen waren, hier waren sie niemand mehr. Was sie zurückgelassen hatten, ihre Heimat, Häuser, gut bezahlte Jobs, Autos, Familien, hier zählte das alles nichts mehr. Hier waren sie nichts als Menschen, mit nichts als ihren Kleidern am Leib. Und Ceija gehörte ganz eindeutig dazu. „Warum bist du hierhin gekommen?“, fragte Tim und stellte sich neben sie. Ceija wagte nicht, aufzuschauen. Sie wusste um ihre Vorbehalte Deutschen gegenüber, anderen Menschen gegenüber, sogar ihren Landsleuten gegenüber. Es kam ihr wie Verrat vor, hier unter dem Kreuz, das sie nicht verstand. Was sollte sie ihm antworten? Wie weit sich einem Mann gegenüber ausziehen, den sie nicht kannte, dessen Kultur sie nicht verstand und von dem sie eigentlich nichts wissen wollte? Nur ein Begriff kam ihr in den Sinn, über den sie nie nachgedacht hatte, so lange Nedjo für alles gesorgt hatte.

„Menschenhandel“, sagte sie schließlich, der Einfachheit halber. Tim nickte. Das war das Milliardengeschäft des 21. Jahrhunderts. Das stellte selbst den guten alten Drogenhandel in den Schatten. Kein Wunder bei Ceija, die diese schlichte Schönheit menschlicher Weiblichkeit verkörperte. Ein sinnlicher Mund, dunkle, große Augen, gerade Wangen, ein Körper wie maßgeschneidert, schlank durch Armut, unterwürfig mangels Bildung, schwach per Geschlecht. „Hat Nedjo dich hierhergebracht?“, fragte Tim. In den Turnhosen sah sie fast lächerlich aus. Aber er konnte sich vorstellen, wie sie in einem gut sitzenden Kleid aussehen würde. Makellos. Es sei denn, sie beherberge ebenso viele körperliche Narben wie die meisten von denen, die ihre Reise nach Deutschland nicht ohne Verluste überstanden hatten.

Ceija zeigte ihm ihre Narben nicht. Die Narben ihrer Familie, die Narben ihrer Flucht, die Streifen ihrer eigenen Zerrissenheit, jemand zu sein, der sofort abgelehnt wurde, noch ehe sie ein Wort gesagt hatte. „Hallo“ ging auch nicht, darüber waren sie schon hinweg. „Nein“, murmelte sie. „Du?“, fragte Tim. Es erschütterte sie. Sie waren nur hier, weil Nedjo eine Frau zusammengeschlagen hatte. Das würde sie ihm jetzt wohl eher nicht unter die Nase reiben. „Waren sie hinter dir her?“, versuchte es Tim erneut. Wollte er es ihr leicht machen?, fragte sich Ceija. „Wir mussten gehen“, antwortete sie knapp und blickte Tim von der Seite an. Er war im richtigen Land geboren, sie nicht. „Okay“, lächelte Tim. „Ich lasse dich in Ruhe. Aber du sollst wissen, ich bin immer für dich da.“ Ceija nickte und blickte wieder zu Boden.

Wenn es drauf ankam, war nie jemand für sie dagewesen. Welchen Unterschied sollte da dieser Pastor machen? Als Tim gegangen war, setzte sich Ceija in eine Bankreihe und dachte nach. Was erwartete sie? Eigentlich nichts. Sie erwartete gar nichts. Nur Ruhe. Die sie hier fand. Erst einmal würde sie Deutsch lernen. Und dann würde sie allen erzählen, wie es bei ihr zu Hause wirklich gewesen war.

Sommerröte 2 – Auf der Flucht

Leseprobe des 2. Kapitels der Geschichte Sommerröte

Wie ein verwundetes Tier floh er durch die Waldstücke, das Sirenengeheul im Nacken. Er lief über Wurzelgeflechte, über Stock und Stein, das Blut rann ihm von der Stirn, bis er es endlich zu ihrer Siedlung geschafft hatte. Eine Siedlung aus sechs Wagen, vor denen Zelte standen. Mit letzter Kraft sprengte er die Tür und ließ sich auf die Schwelle fallen. Sofort kam seine Schwester Ceija auf ihn zugesprungen, schlug die Hände vors Gesicht, lief zum Waschbottich, befeuchtete ein Tuch und lief zurück zu Nedjo, der sein Gesicht auf den Boden gedrückt hielt.

„Ich wollte das nicht, ich wollte das nicht“, flüsterte er, während sie sich fragte, ob sich die Tränen all dieser vergangenen Jahre mit hineinmischten. Behutsam drehte sie ihn um und reinigte seine Haut vom Blut, dessen Geruch nach Eisen sie fast zum Erbrechen gebracht hätte. Ein Erbrechen, mit dem sie am liebsten auf ihre vollkommen hoffnungslose Situation geantwortet hätte. Jetzt auch Nedjo, ihr Lieblingsbruder, der immer wenigstens versucht hatte, gut zu ihr zu sein. Der damals, als sie in die Hände der fremden Männer gegeben werden sollte, mit einem herzzerreißenden Schrei auf jene zugestürzt war, um seine kleine Schwester aus ihren Fängen zu reißen.

Noch in derselben Stunde hatten sie sich auf die Flucht gemacht, durch Wälder und Täler hindurch, fast ohne Rast. Rausgerissen aus dieser trostlosen neuen Republik Moldau, hinein in das Landinnere von Rumänien, über Ungarn, die Slowakei, Tschechien nach Deutschland, ins verheißene Land. Doch sämtliche Verheißungen waren ausgeblieben.

Niemand hatte ihnen geholfen. Niemand war bereit gewesen, ihnen auch nur so etwas wie einen Hauch von Möglichkeiten zu eröffnen. So waren sie an Gladko geraten, der nicht viel besser als ihr Vater war. Ein Schläger. Dass sich Gladko noch nicht an Ceija vergriffen hatte, war Nedjos hervorstechender körperlicher Statur und Schnelligkeit geschuldet. Nedjo bemühte sich täglich und redlich, die geforderten Abgaben zu leisten, um wenigstens im Schutz Gladkos ein klägliches Dasein zu fristen, von dem er in Moldau nicht geträumt hatte. Außerdem gab er Ceilja als seine Frau aus, denn die Ehe war immerhin noch etwas, vor dem Gladko wenigstens einen Funken von Respekt verspürte, auch wenn der leicht ergraute Anführer immer noch auf kleine Nedjo-Nachfahren wartete, mit denen sich noch mehr Geld machen ließe.

„Ist gut, ist gut“, flüsterte Ceija und strich ihrem Bruder zärtlich über den Rücken. Wie in Zeitlupe glitt die Flucht damals bildlich an ihr vorüber. Die unzähligen demütigenden Momente, ihr Hunger nach Nahrung und Ruhe, ihre Angst im Wald, vor den Tieren und anderen Menschen. Aber sie hatten überlebt. Sie hatten alles überlebt. Sie würden noch viel mehr überleben. Zusammen. Wichtig war nur, dass sie sich hatten. Und so wie Nedjo sich damals um sie gekümmert hatte, als sie 10 Jahre alt gewesen war, würde sie sich jetzt um ihn kümmern, ihren Retter, ihr Heiligstes.

Da er nichts mitgebracht hatte, hatten sie nichts zu essen. So reichte sie ihm einen kleinen Becher mit einer Maria darauf und gab ihm zu trinken. Doch statt nach dem Gefäß zu greifen, schlug er den Kelch aus ihrer Hand. Seine Lippen verkrampften, als er in ihrem Heimat-Dialekt wie besinnungslos zu schreien begann. In Panik versetzt legte sie das nasse Tuch über sein Gesicht, bis er kaum noch einen Mucks von sich gab. Erst danach war sie fähig, seinen schweren Körper auf die Matratze zu ziehen. Ab da wog sie ihn die gesamte Nacht hindurch bis zum Sonnenaufgang in ihren Armen, wiederholt flüsternd: „Es wird alles gut, es wird alles gut, alles wird gut werden.“ Immer wieder schreckte er auf, das Bild der am Boden liegenden Frau vor sich. Ich wollte das nicht, rang er in Gedanken mit sich und hob seine inneren Augen gen Himmel.

Doch da war nichts. Ab und an schlug Gladkos Hund an, ironischerweise ein deutscher Schäferhund. Wie gerne wäre Nedjo zurückgekehrt. Aber er wusste nicht mehr, wohin überhaupt. Auch in Moldau waren sie nicht erwünscht gewesen, gedemütigt und fortgejagt. Nichts und niemand hatte ihnen Halt geben können. Nicht die Großfamilie und auch nicht der Alkohol, der in ihrer Verzweiflung stärker floss als das Wasser aus Leitungen, die ihnen regelmäßig zerschnitten wurden. Mit den frühen Morgenstunden setzte sein Zittern ein, so dass Ceija ihrem Bruder ein weiteres Gefäß reichte: Obstschnaps. Selbstgebrannt. Das erste, was der Großvater ihr beigebracht hatte.

Damals war Ceija sechs Jahre alt gewesen. Ihre Bildung hatte darin bestanden, die Baracke aufzuräumen, den männlichen Familienmitgliedern nach Kräften zu Diensten zu sein und mit dem Familienoberhaupt das faule Obst in etwas zu verwandeln, was noch mehr Unglück über sie alle brachte, aber zumindest den schlimmsten Hunger stillte. Nach allem. Sehnsuchtskiller nannten es die Geschwister schließlich, die schon beizeiten davon träumten, ihr Glück in einem anderen als dem von der Sowjetunion ruinierten Land zu finden. Auch die Republikgründung nach dem Zerfall des Ostblocks, auf die manche ihre Hoffnung gesetzt hatten, ging an ihnen so spurlos vorüber wie die großzügigen Transferleistungen, mit denen sich die korrupten Regierungsmitglieder ihr eigenes Reich schufen.

Nachdem Nedjo endlich vollkommen erschöpft eingeschlafen war, verriegelte Ceija den Wagen von außen und lief zur Hauptstraße, die sie zum Einkaufszentrum brachte. Den ganzen Tag saß sie vor Läden und bettelte. Sie tat es lächelnd, doch das Grauen ihrer Lebenssituation spürte sie mit jedem Menschen, der an ihr vorüberlief, wie ein Messer in ihrem Herzen bohren. Lieber wäre sie zerbrochen und zerborsten, als dort zu sitzen, vor den demütigenden Augen der anderen, denen es gutging und für die sie nichts anderes als Dreck war, der ihren Weg säumte. Gegen Abend gab sie sich einen Ruck und lief in eines der Geschäfte, aus dem sie wortkarg hinausgeworfen wurde. „Geh zur Kirche“, raunte ihr eine Frau zu, „die kümmern sich um solche wie dich.“

Mit diesen Worten im Ohr entriegelte Ceija das Schloss zum Wagen und trat ein. Alles, was sie hatte, waren ein paar verschimmelte Äpfel, die sie aus dem Abfall gezogen hatte. Und morgen würde Gladko vor ihnen stehen und die vollkommen absurde Platzmiete einfordern. Wie oft hatte Gladko ihrem Bruder zu verstehen gegeben, dass er durchaus bereit war, Naturalien anzunehmen. Ceija. Ceijas Leib. Vielleicht war es endlich so weit. Oder sie mussten wieder fliehen. Wobei Gladko zuzutrauen war, sie überall aufzuspüren. Nur nicht in einer Kirche, überlegte Ceija. Vielleicht war das die Rettung in diesem Augenblick, den Nedjo nicht mehr in der Lage war, ihr Überleben zu sichern. „Hey“, flüsterte sie.

Er lag noch immer auf der Matratze, so, wie sie ihn früh morgens verlassen hatte. Langsam schlich sie auf ihn zu. Reglos lag er da. Sie fürchtete, er sei an inneren Verletzungen gestorben. Eilig griff sie nach seiner Hand. Sie war warm. Aber sein Blick war kalt, als er die Augen öffnete und sie ansah, als sei sie ein Geist. „Ich kann mich nicht mehr um dich kümmern“, flüsterte er, was ihr wie ein Todesurteil vorkam. „Morgen gehen wir“, sagte sie und setzte sich an seine Seite. „Wohin“ murmelte er, „es gibt keinen Platz für uns“. „Doch“, insistierte sie. „In der Kirche unten am Wasser, dort werden wir es einfach versuchen. Wir haben alles überstanden.  Wir werden auch das noch schaffen.“ Mit diesen Worten ließ sie von ihm. Lange lag Ceija wach und lauschte seinen Atemzügen. Sie hatten nichts mehr zu verlieren.

Sommerröte 1 – Als die Flut kam

Der Anfang der Geschichte

Mit diesem Kapitel beginnt der Roman Sommerröte von Autorin Isabelle Dreher.

Joa hatte es ihr beigebracht: Nicht zu verurteilen. Niemanden. Auch sich selbst nicht. Er führte sie an Orte, die sie ohne ihn nie gefunden hätte. Orte in ihrem Inneren, zu denen die Türen Zeit ihres Lebens verschlossen gewesen waren. Wie eine Flüchtende war sie bis zu ihm durch ihr Leben gehetzt. Immer auf der Suche nach einem sicheren Platz für sich, ihr Leben und das ihrer Kinder. Das Leben, das sie in einen Sarg gestopft hatte wie all die Empfindungen, an die sie sich nicht mehr erinnern wollte. Bis Joa in ihr Leben trat. In etwas, an dem sie verzweifelt festhielt, ohne loslassen zu können. Joa kam lautlos. Sie bemerkte ihn fast nicht.

In dem Moment, den Helena die Terrassentür splittern hörte, rannte sie in panischer Angst um ihre Kinder herunter. Schweißperlen umspülten ihren Körper, ihr Herz raste und dann stand sie vor ihm. Einem jungen Mann, gutaussehend, muskulös, dunkelhaarig. Jemand von dem Schlag, den sie mit leiser Verachtung gestraft hatte, wenn er ihr vor den Einkaufsläden ein Lächeln geschenkt und „Hallo“ gesagt hatte. Dieser hier sagte nicht „Hallo“, sondern schlug sofort zu. Helenas Gedanken zersplitterten im selben Augenblick. Sie sah tausend Sterne, als sie zu Boden ging. Der Schmerz war unbeschreiblich. Es war, als wäre ihre Körpermitte zerbrochen und in tausend Einzelteile zerborsten. In diesem Augenblick, den sie sich dem Tod näher fühlte als allem, was sie jemals erlebt hatte, war ihr, als würde ihre Schädeldecke oben gesprengt und sähe sie das Licht, von dem so viele sprachen, wenn sie meinten, ins Jenseits zu wechseln.

Für einen kurzen Augenblick war ihr, als sähe sie eine Gestalt in gleißendes Licht wie pures Gold getaucht, jemanden, der in ein weißes Leinentuch gewickelt war und zu ihr sagte: „Atme“. Helena war, als würde der Mann seine Arme um sie legen und sie trösten. Es war, als sei ihre „innere Stimme“ zu einem Tosen angeschwollen, das nur noch eines von ihr verlangte: Ihrem Herzmuskel zu befehlen, beweg dich, du kannst dich jetzt nicht ausruhen, fülle meinen Körper mit Sauerstoff, sonst bin ich verloren. Dann kam die Welle. Alles spulte sich vor ihrem inneren Auge ab, was bis dahin Bedeutung gehabt hatte. Ihre Geburt, ihre ersten Schritte, Kindergarten, Einschulung, Urlaub in Italien, erster Fechtkurs, Abiturfeier, Hochzeit, Hauskauf, Geburt der Kinder, deren Einschulung usw. Und dann vermischte sich alles wie in einem tosenden Meer, das weder Anfang noch Ende kannte. Ihr Körper ruckelte, sie spürte jeden einzelnen Knochen, der in ihr war und wie sich alles verschob.

Sämtliches in ihr wurde durchgeknackt. Im letzten Augenblick, ehe sie ihr Bewusstsein verlor, dachte sie an ihre 13-jährige Tochter Sophie, wie sie zur Aufführung beim Breakdance „Die Welle“ gemacht hatte. Ihr schien es eher wie eine Flut, die einmal durch sie hindurch rammte, um sie hernach unsanft auf den Boden zu schleudern, von dem sie nicht mehr würde alleine aufstehen können. Es war ein schöner Boden, Holz. Warmes, durch Fußbodenheizung erwärmtes, helles Ahornholz, lackiert. Sie sah noch die Summe, die sie dem Handwerker für das ganze Haus überwiesen hatten: ein Kleinwagen. Dann wurde es schwarz in ihr.

Als Helena wieder zu sich kam, standen ihre drei Kinder zitternd um sie herum. Alles, was sie wahrnahm, waren ihre Augen, blau, grün, dunkelbraun, die so groß waren wie dunkle Krater in der Erdoberfläche. Sie meinte, ihre in kalte Angst eingetauchten Rufe zu hören, die nach ihr schrien, immer wieder: „Mami, Mami“, doch die Kinder waren vom Schock so gelähmt, dass sie kein Wort herausbrachten. Bevor sie in den Notarztwagen geschoben wurde, sah sie im Augenwinkel Sandra, die Nachbarin, die ihr zunickte und ihr bedeutete, sie würde sich um die Kinder kümmern. Sandra und ihr Mann Thomas mussten auch die Polizei benachrichtigt haben, die bereits die Einbruchspuren untersuchten und eine Psychologin für die Kids angefordert hatten.

Mit Sirenengeheul wurde Helena eingeliefert. Das Notarztteam übergab sie dem Chirurgen, der ihr Fragen stellte, die sie nicht verstand, aber mechanisch beantwortete. Innerhalb von wenigen Minuten war sie an verschiedene Kanülen und Geräte angeschlossen. Dann verlor sie erneut das Bewusstsein. Es war, als glitte sie in einen Traum, in dem es keine Zeit gab. Weder Vergangenheit noch Zukunft.

Alles war still und lief wie in Zeitlupe ab. Sie sah, wie sich eine Pforte zu einem Garten öffnete. Ohne zu zögern trat sie ein. Dort war Musik, himmlische Musik, hell und klar. In dem Garten plätscherte ein Brunnen, die Blütenpracht war unbeschreiblich. Wieder trat der Mann in Weiß auf sie zu und hieß sie willkommen. Dankbar erwiderte sie sein Lächeln und bestaunte die Umgebung. Am Horizont lag eine Bergkulisse von atemberaubender Schönheit.

„Du bist sicher hier Helena“, sagte der Mann und griff nach ihrer Hand. „Komm, ich zeig dir alles.“ Wie auf Watte lief sie hinter ihm her. Er führte sie zu einem Haus mit hellblauen Fensterläden und einer ebenfalls geöffneten Tür. Zögerlich trat sie ein. Der Eingangsbereich war weiträumig und hell. An der Wand stand eine Anrichte mit einem großen Spiegel. Sie konnte sich sehen – als Kind. Rechts und links davon gingen weiß getünchte Türen ab, an der Seite führte eine große Wendeltreppe nach oben. Aufmunternd nickte ihr der Mann zu und lief voran. Sie hielt sich an dem goldenen Geländer fest und schaute auf die Bilder, die die Treppe säumten. Bilder aus ihrer Kindheit.

Als sie auf der ersten Etage angekommen war, erkannte sie, wo sie war. Im Haus ihrer Großeltern. Das Schlafzimmer am Ende des Flures war ihr Zimmer. Vorsichtig trat sie ein. An die Wand war ihr Skateboard gelehnt, daneben stand das Surfbrett. Auf dem Regal neben der Tür waren einige ihrer Fechttrophäen aufgereiht. Das Bett unter dem Fenster zum Garten war mit ihrer Lieblingsbettwäsche bezogen: weiß-rosa Karos mit feinen orangenen Streifen abgesetzt. Am Kopfende entdeckte sie ihr erstes Florett. Mit weit aufgerissenen Augen lief sie darauf zu und hielt es hoch.

“Dein Großvater hat es dir geschenkt als du zehn warst“, lächelte der Mann. Sie lachte hell auf. „Ja, meine Mutter wollte das nicht und schimpfte mit ihm, aber ich nahm es und forderte meinen Großvater zum ersten Duell meines Lebens heraus. Es dauerte noch eine Weile, bis ich endlich in den ersten Kurs kam. Das war eine schöne Zeit“, lächelte Helena und blickte den Mann dankbar an. „Weißt du noch, warum du so oft hier warst?“, fragte er. Sie blickte zu Boden, auf die Holzfaserungen, die vielen Verästelungen und Verzweigungen. „Ich erinnere mich nicht mehr“, gab sie zu und sah in seine Augen.

Es war, als versänke sie in diesem Augenblick in einem Meer aus unheimlichen Gefühlen, die sie umspülten. „Du warst mal einen ganzen Sommer hier“, sagte er. Sie konnte sich nicht von seinem Blick lösen. „Es hat lange gedauert, bis dein Arm wieder in Ordnung war und die Prellungen zurückgingen.“ Sie nickte. „Meine Mutter hatte Angst, dass mich mein Vater totschlägt“, flüsterte sie. Als ihre Tränen zu fließen begannen, nahm er sie behutsam in die Arme. „Du bist sicher hier“, wiederholte er und wog sie sanft an seinem Körper. Nach einer Weile löste er die Umarmung. „Du musst zurück, sie warten auf dich“, sagte er leise. Helena nickte. Dann wachte sie auf.